Nachtrag zur DM 20 Zoll

Beim Surfen haben wir auf den Seiten von bikes-in-motion.de einen Bericht zur Deutschen Meisterschaft 20 Zoll in Ölbronn gefunden. Dort ist auch der Artikel von Martin Heller zu finden.
 
Vielen Dank an Martin, daß wir diesen Text auf biketrial.org veröffentlichen dürfen.

Der Link zum Artikel

Bericht über die Vorkommnisse in Ölbronn

Man stelle sich folgende Situation vor:

DFB-Pokal-Endspiel in Berlin, Schalke gegen Duisburg, Halbzeitstand 2:0 für Schalke. Kurz vor Beginn der zweiten Halbzeit ertönt folgende Durchsage durch die Lautsprecher: “Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Regen hat zugenommen und laut aktueller Wetternachrichten ist ein Ende des Regens nicht in Sicht. Da wir nicht mehr gewährleisten können, dass die Drainage unter der Rasenfläche die Wassermassen aufnehmen kann, haben die Verantwortlichen im DFB sowie der Veranstalter beschlossen, auf die Durchführung der zweiten Halbzeit zu verzichten. Nach aktuellem Stand (2:0) wird dem FC Schalke 04 der Titel “DFB-Pokalsieger 2011” zuerkannt. Wir bitten um Verständnis und wünschen einen angenehmen Heimweg.”

Hallo? Ein Eklat wäre die Folge. Schlagzeilen wie “Duisburg wird per Dekret um Chancen gebracht” oder “DFB ist zu dumm, ein Fußballspiel auszurichten” würden wochenlang die ersten Seiten der Zeitungen füllen. Das Fußballvolk wäre empört. Ganz sicher müßten sich einige Leute beim DFB einen neuen Job suchen.

Im Fahrrad-Trial ist das Medienecho aber leider kein Problem.

Am 4. und 5. Juni wurde die Deutsche 20” Trial Meisterschaft 2011 vom RMSC Ölbronn im Auftrage des Rechteinhabers Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ausgerichtet. In der offiziellen Ausschreibung wurde auf einen Aushang am Veranstaltungsort hingewiesen, dem man sodann vor Ort entnehmen konnte, dass an jedem Tag eine Qualifikationsrunde (3*6 Runden) und ein Finale der Top-4-Fahrer (2*4 Runden) stattfinden sollte. Wer den vom UCI bekannten Modus kennt, weiss, dass es in der Qualifikationsrunde nicht um die Platzierung, sondern allein darum geht, unter die besten 4 Fahrer zu kommen. Schlauerweise wird eine solche Qualifikationsrunde meist strategisch gefahren. Ist man sich als Fahrer (etwa nach den ersten beiden Runden) sicher, ins Finale zu kommen, wird man etwas Gas wegnehmen, um sich die Kraft für das Finale aufzusparen. Oder man probiert in Vorbereitung auf das Finale etwas waghalsigere Sprünge aus, die leicht zu 5 Fehlerpunkte führen. Es geht ja, wie gesagt, nicht um die Platzierung.

Soweit – so gut.

Erster Tag, Ergebnis des Halbfinales:

1. Matthias Mrohs, 2. Felix Heller, 3. Sebastian Hoffmann, 4. Heiko Lehmann.

Die hier genannten Fahrer haben sich somit für das Finale qualifiziert. Das Finale wurde durchgeführt und es kam zum Endergebnis des 1. Tageslaufes:

1. Felix Heller, 2. Sebastian Hoffmann, 3. Matthias Mrohs, 4. Heiko Lehmann.

Interressant ist, dass Matthias und Heiko beide nicht nur die gleiche Anzahl an Fehlerpunkten hatten, sondern auch noch die Anzahl der 0er, 1er 2er und 3er (und somit auch 4er) vollkommen identisch waren. Somit wäre eine Punkteteilung die sauberste Lösung gewesen. Ich vermute jedoch, dass hier bereits auf das Ergebnis der Qualifikationsrunde geschielt wurde, was nicht ganz sauber ist (es sei denn, man weiß es vorher), da – wie gesagt – die Qualifikationsrunde nicht auf Platzierung gefahren wird. Aber dass ist nun wirklich klugscheißerische Korinthenkackerei. Denn es kommt noch viel schlimmer.

Zweiter Tag, Ergebnis des Halbfinales:

1. Matthias Mrohs, 2. Sebastian Hoffmann, 3. Felix Heller, 4. Rick Koekoek.

Ob es Sinn macht, dem niederländischen Gastfahrer Rick Koekoek die Teilnahme am Finale einer Deutschen Meisterschaft (wenngleich ohne Wertungspunkte) zu ermöglichen, sei einmal undiskutiert dahingestellt – denn soweit kam es gar nicht.

Um ca. 13.30 Uhr – wer hätte das gedacht – fing es an zu regnen, ziemlich kräftig sogar.

Dies hatte zur Folge, dass erstens die Zuschauer, für die das Finale als besonderes Bonbon geplant war, fluchtartig den Austragungsort verliessen und zweitens – wer hätte es für möglich gehalten – die Finalsektionen nass wurden. Um ca. 14.00 Uhr muss es zu einer Diskussion im verantwortlichen Gremium der Veranstaltung gekommen sein. Deren Inhalt und deren Teilnehmer sind (mir zumindestens) nicht bekannt, aber irgendwie muss es sich wie folgt zugetragen haben:

A: Boh ey, alles nass, die Zuschauer sind weg. So’n Mist. Im Prinzip können wir das Finale auch absagen. Ist eh’ viel zu gefährlich für die Fahrer.
B: Klar, ich hab auch keinen Bock mehr. Dann nehmen wir eben den zweiten Lauf aus der DM-Wertung raus, da er nicht zu Ende gefahren wurde. Dann ist Felix als Sieger des ersten Finals Deutscher Meister und wir können nach Hause fahren.
A: Ey, das ist jetzt aber auch irgendwie blöd. Ein Norddeutscher siegt bei einer DM in Süddeutschland? Geht irgendwie gar nicht. Können wir nicht einfach die Qualifikationsrunde posthum zum Finale erklären?
B:: Klar, wenn du meinst, wir können alles. Hilft aber auch nicht wirklich weiter. Dann sind Matthias und Felix punktgleich, da sie dann beide jeweils Platz 1 und Platz 3 belegt haben. Dann müssten wir zumindestens noch ein Stechen organisieren.
A: Manno – du nimmst das aber genau. Matze ist doch viel besser als Felix. Das sieht man doch so schon. (kurze Gedankenpause.) Ich hab’s. Wir sagen einfach: bei Punktgleichheit der Finalläufe zählt das Ergebnis der Halbfinalläufe.
B: Oh Mann, ob die uns das abkaufen?
A: Wieso, du sagst doch selber – wir können alles.
B: Na gut, meinetwegen, Ende der Sitzung.

Ob das Gespräch tatsächlich so stattgefunden hat, weiss man nicht. Aber genau das wurde so beschlossen. Da halfen auch keine Protestnoten. Das amtliche Endergebnis der Deutschen Trialmeisterschaft 20” lautet:

1. Matthias Mrohs, 2. Felix Heller, 3. Sebastian Hoffmann, 4. Sascha Straube.

Die Elitefahrer gaben ihrer Empörung Ausdruck, in dem sie alle (ich wiederhole: alle) bei Intonation der Nationalhymne ihre Medaillen niederlegten und die Bühne verließen.

So geschehen am 4. und 5. Juni 2011. Herzlichen Glückwunsch.

Hannover, 6. Juni 2011, Martin Heller

PS 1:
Als Angehöriger eines betroffenen Fahrers wird man mir zu Recht Parteilichkeit vorwerfen. Deshalb möchte ich hier aufrichtig betonen: Matthias Mrohs ist ein excelenter Trialradfahrer, dem ich jeden Titel der Welt gönne. Er ist ein fairer Sportler und zudem ein netter Kerl. Er wäre auch ein würdiger Deutscher Meister 2011, hätte er sich diesen Titel erkämpft und nicht per Order di Mufti erlangt. Selbst sieht er es auch so – er wäre gerne das Finale gefahren.

PS 2:
Am Donnerstag um 20:15 Uhr (3 Tage vor Veranstaltungsbeginn) wurde bereits im Wetterbericht der ARD vor gewitterartigen Regenfällen am Samstag und Sonntag insbesondere in Süddeutschland gewarnt. Der weise Fahrer hat sich folglich auf einen ordentlichen Regenguss eingestellt. Der Veranstalter leider nicht. Schade eigentlich.

PS 3:
Um 15.00 Uhr hörte es auf zu regnen. Kurz danach: Blauer Himmel – Sonnenschein. Das Finale der Elitefahrer war für 15.45 Uhr geplant. Um 15.45 Uhr waren die Sektionen (Boden und Hindernisse) weitgehend trocken. Gegen die Durchführung des Elite-Finallaufes gab es kein Argument mehr. Außer vielleicht die Tatsache, dass die Siegerehrung zu diesem Zeitpunkt schon gelaufen war.

PS 4:
Bei so tiefgreifenden Entscheidungen wäre es wirklich sinnvoll gewesen, zunächst mit den betroffenen Fahrern zu reden. Wäre nicht schwierig gewesen. Waren ja nur drei. Und die hätten gesagt: wir wollen das Finale fahren. Prinzipiell wäre das die Aufgabe des Fahrersprechers gewesen. Wer war das eigentlich?

PS 5:
Liebe BDR-Trialgremien. Spitzensport im Allgemeinen sowie Trialsport im Besonderen hat was mit Training und Entsagungen, Hoffen und Bangen, Blut und Tränen, Lust und Frust, sich quälen und fordern aber auch mit Fairness und Anerkennung zu tun. Bitte verarscht die Betroffenen nicht.

PS 6:
In Kreisen der Elitefahrer wird bereits diskutiert, die nächste Deutsche Meisterschaft selbst zu organisieren. Wie wärs damit: Man trifft sich Freitags im Felsenmeer. Jeder Fahrer baut eine Sektion und bringt einen Punktrichter mit. 7 Fahrer 7 Sektionen 3 Runden. Für ein angemessenes Publikum wird bei Facebook gesorgt, ganz ohne Werbekosten. Fair und spannend. Und keine Mauschelei. Ich glaube, ich wäre dabei. Weil: Trial ist geil. Vielleicht müssten wir dann zwischen dem wahren und dem offiziellen Deutschen Meister unterscheiden. Mir wäre der wahre lieber. Egal wer es wird.